Keine Jahres(tr)endprognose: Tourismus, Ehrenamt, Nachhaltigkeit sowie Sansibar

Im Dezember, wie üblich, überbieten sich die Medien mit Jahresrückblicken und Vorschauen für das kommende Jahr, diesmal 2018. Da sich Trends nicht an Kalender halten und von einem Tag auf den anderen sich manifestieren, werde ich mich dem entziehen. (Wobei der Vollständigkeit halber erwähnt werden sollte, dass natürlich psychologische wie politische Faktoren Dinge begünstigen können, die dann doch durch entsprechende Kalenderdaten mitverursacht werden).

Stattdessen ein privater Einblick, der dann doch – so ganz im Sinne des Work-Life-Blending – nicht nur ganz privat, sondern auch und natürlich die Zukunfts- und Trendforschung betrifft. Für mich geht es in diesem Dezember nach Ostafrika, nach Sansibar.

Tourismus-Trends: Luxus mit gutem Gewissen

Das kleine Inselarchipel vor Tansania (und nein, der Tausch gegen Helgoland ist eine Mär) ist derzeit ein beliebtes Ziel für Touristen. Laut des Zanzibar Commisson for Tourism (ZCT) hat sich die Zahl der Urlaubsgäste von 2015/2016 zu 2016/2017 von etwas mehr als 162.000 auf 376.000 Besucher mehr als verdoppelt! Bis zum Jahr 2020 rechnet der autonome Teilstaat Tansanias mit 500.000 Touristen jährlich. Azurblaues Wasser, weiße Sandstrände ergeben hohe Preise in den Lodges im Osten der Hauptinsel. Und so soll 2020 ein 1.6 Milliarden US$ schweres Luxus-Resort eröffnen, dessen Vision zunächst eher nach Dubai als nach Unguja klingt: Unterwasser-Restaurant, Yachthafen, Golfplatz, internationale Schule, Komfort-Hotels, Privatvillen für Dauerbewohner, state-of-the-art Medizinversorgung etcpp. Die Investoren haben Ansprüche an ihre drei „P’s“: People, Planet, Profit. Das Resort wird über eine Solaranlage verfügen, Regenwasser aufbereiten sowie selbstverständlich Ladestationen für Elektroautos bereitstellen. Und es wurde eine eigene CSR-Initiative gegründet „Best of Zanzibar„, mit dessen Unterstützung die lokalen Gemeinden sich sozial, wirtschaftlich und dabei nachhaltig entwickeln sollen. Hierzu zählen u.a. der Bau von Infrastruktur (Wasser, Elektrizität, Straßen), Gesundheitsprogramme (Ernährung, Hygiene) sowie Bildung (Grund- und Weiterbildung).

Die Ansprüche klingen gut, zielen auf die Bedürfnisse der Reisenden nach sozialem und ökologischem Engagement der Tourismusanbieter ab. Jene wollen in zu hohen Standards verreisen – und das mit einem guten Gefühl und nicht zu Lasten von Umwelt und Bevölkerung. In wie weit die Investoren hier wirklich neue Maßstäbe setzen, bleibt abzuwarten. Tourismus kann durchaus eine ökonomische Zukunft für ein Land oder eine Region sein, doch häufig sieht die Realität anders aus. Gelder fließen ins Ausland, die Bevölkerung profitiert nur sehr partiell von den Gästen.

Megatrends Globalisierung und Nachhaltigkeit: Empowerment

So ist es derzeit auch auf Sansibar. Die Bevölkerung ist viel zu schlecht ausgebildet, als dass sie den hohen Ansprüchen des Reisemarktes genügen würde. Über 100 Schüler in einer Klasse, ebenfalls nur unzureichend ausgebildete Lehrer verhindern derzeit jede Bildungs- und damit lokale Wirtschaftsentwicklung. Jeder zweite Jugendliche in den urbanen Räumen der Inseln hat keine Ausbildung, ist arbeitslos, spricht kaum Englisch. In den ländlichen Gegenden arbeiten die meisten in der Landwirtschaft, wodurch hier die hohe Arbeitslosigkeit nicht auffällt, jedoch dafür die Armut eher steigt als sinkt. Auf der einen Seite weiße Strände und Luxushotels, in denen Reisende von Nicht-Sansibaris betreut werden, auf der anderen Seite tiefe Armut, fehlende Perspektiven und keinerlei Voraussetzungen um an das P wie „Planet“ zu denken. Etwa beim Thema Müll oder Stromerzeugung.
Es gibt lokale Initiativen, die ausbilden, Bewusstsein schaffen und auch versuchen, dass Sansibaris investieren. Doch die Situation vor Ort ist komplex.

Nächste Generation Philanthropisten

Seit einigen Jahren unterstütze ich ehrenamtlich (u.a. Öffentlichkeitsarbeit) einen kleinen Verein aus Tübingen, der sich der Hilfe zur Selbsthifle auf Sansibar verschrieben hat. In diesem Jahr werde ich mich dem kleinen, derzeit bereits vor Ort anwesendem Team von „Go For Zanzibar“ anschließen und kann so die einzelnen Projekte vor Ort besuchen. So dass ich danach einen tieferen Einblick habe und vielleicht mit mehr Ideen beitragen kann, wie Empowerment vor Ort machbar ist. Mit einer Handvoll Menschen ist das nur schwer umsetzbar, aber im Zeitalter der Konnektivität lassen sich Netzwerke schneller konstruieren. Vielleicht lassen sich ja irgendwann auch Sozialunternehmen wie Jacky F. dort realiserien. Jackfruits scheint es genügend zu geben. Und der Trend zum fleischfreien Ernährung ist ungebrochen und ebenfalls aus Perspektive der ersten beiden P’s notwendig: People und Planet.

Die Generation der Millennials (Jg. 1980 bis 2000) jedenfalls ist stark interessiert an sozialem Engagement, dass nicht nur altruistischer Natur ist, sondern für alle (somit auch sie selber) einen Mehrwert generiert. Somit ist das dritte P, der Profit, durchaus kein Widerspruch zum Engagement. Eine interessanten Perspektive, wie die Millennials gegenüber den Baby Boomern bzgl. Ehrenamt und Freiwilligenarbeit ticken, zeigt eine Studie von BNP Parisbas Wealth Management: Passing the torch: Next-Generation Philanthropists .

Quelle: Anja Kirig, Inhalte aus der Studie von BNP Parisbas Wealth Management: Passing the torch: Next-Generation Philanthropists

Postwachstumsgesellschaft vs. Postkapitalismus

Wie sich Wirtschaft künftig konfiguriert bleibt spannend. Wir erleben definitiv einen Wertewandel. Neuer Luxus zielt mehr auf Dienstleistungen, denn auf materielle Statussymbole. Von einer Postwachstumsgesellschaft ist die Rede, die dank Digitalisierung und neuen Technologien entstehen kann. Gleichzeitig wird sie uns wohl eher nicht in ein „postkapitalistisches Paradies“ führen. Schon vor 20 Jahren existierte die Hoffnung, dass das Internet demokratisierend wirken würde. Jein. Auch hier, wie so in vielen anderen Bereichen, existiert ein Sowohl-Als-Auch. Die Komplexität unseres Alltags, unserer „Welt“, nimmt weiter zu – auch 2018.