Hygge, Lagom, Niksen und warum Digital Detox sich irgendwann überholt

Nachdem der Achtsamkeitstrend zwar noch lange nicht seinen Zenit erreicht hat, tauchen in den letzten Monaten Begriffen in den Medien auf, welche ebenfalls darauf abzielen, zu entschleunigen, ihre Mittel jedoch nicht in ostasiatischen Philosophien und Ansätzen suchen: Hier sei „Hygge“ (Gemütlichkeit im sozialen Kreise) zu nennen, „Lagom“ (die richtige Passung finden) oder seit neustem „Niksen“. Letzteres kommt aus dem Niederländischen und bedeutet einfach „Nichtstun“.
Ganz gleich ob Achtsamkeit und Atmen, Hygge und Heimeligkeit oder Niksen und Nichtstum, der Wunsch dahinter ist stets dem immer komplexer und schneller werdenden Alltag etwas entgegenzusetzen. Entschleunigung oder ein Slow Lifestyle wären weitere Äquivalente.

Im Tourismus wird derzeit das Konzept des Digital Detox immer wieder augegriffen. Hotels bieten eine WLAN freien Aufenthalt an, den kein Chef durch Anrufe stören (hier eine aktuelle Studie der Uni Freiburg zum Thema der ständigen Erreichbarkeit) und auch der Gast sich selbst nicht von sozialen Medien, Mails und Nachrichten ablenken lassen kann.

Ja ich stimme zu, es gibt derzeit eine Nachfrage nach Methoden und Dienstleistungen, die dabei unterstützen, sich von den mobilen Endgeräten zu befreien (oder befreit zu werden?). Insbesondere die Generation, die nicht zu den digital Natives gehört, kämpft mit der (gefühlten) Abhängigkeit von den kleinen und großen Bildschirmen. Aus meiner Perspektive wird sich dieses Phänomen jedoch über kurz oder lang abschwächen. Wir lernen mit den neuen Medien umzugehen, die Generationen Y, Z und Alpha sind hier die Vorbilder. Schon heute nutzen sie Smartphone und Co. entspannter und selbstbewusster als ihre Eltern. Die Geräte sind die verlängerten Arme, Hilfsmittel des Alltags.

In Diskussionen wird mir oft entgegnet, wie viele Stunden die Kinder doch vor den Geräten säßen und dass man gar nicht sehe, dass ein anderer Umgang stattfinden würde. Hier kann ich nur daran erinnern, wie wir als Kinder uns verhalten hätten (oder haben), wenn wir freien Zugang zu dem Fernseher gehabt hätten (oder hatten). Viele der ehemaligen Fernsehjunkies zählen heute zu überzeugten Fernsehverweigerern. Sie mögen zwar noch genauso viel konsumieren wie damals, aber wesentlich selbstbestimmter über Mediatheken, Netflix und Co.

Medien sind in unserem Alltag omnipräsent, da leistet das Smartphone nur  einen Beitrag dazu. Seit jeher musste die Menschheit den Umgang lernen. Beim Auftauchen jedes neuen Mediums wurde gewarnt und neue Süchte und Werteverfall der Gesellschaft proklamiert.

Fakt ist, dass Immererreichbarkeit immer weniger wichtig wird und Digital Detox weniger relevant. Die Komplexität der Welt nimmt jedoch weiter zu, ebenfalls die Geschwindigkeit. Ob Achtsamkeit, Hygge, Lagsom, Niksen oder Entschleunigung, Slow Culture oder Work-Life-Balance –  das sind vor allem Hilfsmittel, um mit einer noch relative neuen Situation umgehen zu lernen. Hier benötigen Verbraucher auch weiter Hilfe und Unterstützung. Aber vor allem auch eine gehörige Portion „Sisu“ – mein Favorit als neuer Anwärter für die Ablösung von Niksen. Kraft, Ausdauer, Zähigkeit!