Im aktuell extrem lauten Rauschen um KI Agenten stellt sich mir die Frage: Hype oder Disruption? Meine Antwort: Die Zukunft liegt dazwischen.

Nein, wir werden künftig nicht alle vibecoden und eine Schar eigener AI Agenten orchestrieren müssen. Die Vorstellung, dass jede Person zur Architekt:in ihrer persönlichen Softwarelandschaft wird, ist überzeichnet. Sich der Entwicklung zu verschließen, ist jedoch ebenso wenig eine Option. Weder aus Business Perspektive noch aus Sicht von Entwickler:innen oder aus dem Blickwinkel der Nutzer:innen.

AI Agenten werden im Alltag zur Selbstverständlichkeit werden. Nicht als sichtbare Einzelanwendungen, sondern als Bestandteil digitaler Infrastruktur. Sie arbeiten im Hintergrund, eingebettet in bestehende Systeme. Die meisten von uns bleiben Anwender:innen. So wie die meisten auch früher keine Makros, Datenmodelle oder komplexen Automatisierungen gebaut haben, sondern Vorlagen genutzt und Tools innerhalb klarer Grenzen eingesetzt haben.

Ihr eigentlicher Wert liegt in der systematischen Entlastung. AI Agenten sind Entlastungstechnologien. Und genau das macht sie im Kontext des demografischen Wandels relevant.

Business Perspektive

Wenn Arbeitskräfte fehlen, geht es nicht nur um Effizienz, sondern um Handlungsfähigkeit. Technologien können Tätigkeiten übernehmen und zugleich neue Rollen entstehen lassen. KI wird zur Handlungspartnerin, der AI Agent zum digitalen Kollegen. Im besten Fall werden Aufgaben abgefedert, wenn Fachkräfte fehlen oder Kapazitäten knapp sind. Entscheidend ist dabei, was „übernehmen“ praktisch heißt: Wo echte Automatisierung möglich ist, braucht es Leitplanken, Freigaben, Auditierbarkeit und klare Verantwortlichkeiten, damit Qualität, Sicherheit und Compliance nicht unter Druck geraten.

Viele Unternehmen werden Agenten nicht nur intern einsetzen, sondern in ihre Produkte integrieren. Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Prozessoptimierung hin zur Produktarchitektur.

Entwickler:innen Perspektive

Vibecoding verändert Arbeitsweisen. Manche Schritte werden vereinfacht, andere verlieren an Bedeutung. Wenn komplexe Systeme über Sprache oder einfache Texteingaben bedient werden können, sinkt die Eintrittsschwelle und jede/r ist Entwickler/in. Oder?
Technisches Detailwissen bleibt relevant, aber es verschiebt sich. Ein klar formulierter Auftrag kann ausreichen, um ein funktionales Ergebnis zu erzeugen. Gleichzeitig heißt das nicht, dass künftig alle vibecoden oder eigene Agenten Workflows bauen müssen. Die meisten werden Ergebnisse nutzen, nicht Systeme entwerfen.

Und es braucht mehr als schnelle Produkte in Prototyp-Qualität. Tragfähige Architekturen, klare Prozesslogiken und eine konsequent mitgedachte User Experience sind zentral. Systeme müssen nachvollziehbar, robust und anschlussfähig sein. Fehlerbehandlung, Rollenmodelle, Datenqualität und definierte Grenzen der Automatisierung entscheiden darüber, ob Lösungen im Alltag bestehen. Ohne diese Grundlagen entstehen Anwendungen, die kurzfristig beeindrucken, aber strukturell instabil bleiben. Dazu gehört auch: Mehrsprachigkeit, einfache Sprache und dialogbasierte Bedienung sind nur dann verlässlich, wenn Content Governance, kontrollierte Terminologie, Qualitätsprüfungen und Feedbackschleifen von Anfang an mitgebaut werden.

User Perspektive

Besonders sichtbar wird die Qualität von Architektur dort, wo Menschen heute an digitalen Angeboten scheitern. In einer alternden Gesellschaft ist das kein Randthema. Viele Portale sind komplex, Prozesse unübersichtlich, Sprache unnötig kompliziert. Barrierefreiheit bleibt häufig Absichtserklärung. Das Problem liegt selten bei den Nutzer:innen, sondern bei den Systemen.

Dialogbasierte Interfaces können diese Ausgangslage verbessern. Sie sind ein niedrigschwelliger Zugangskanal. Menschen können schreiben oder sprechen, Systeme erklären Inhalte, strukturieren Informationen und führen schrittweise durch Abläufe. AI Agenten können diese künftig ganz übernehmen. Und gleichzeitig müssen Alternativen mitgedacht werden: Multimodale Bedienung und klare, verlässliche Interaktionsmuster sind deshalb wichtiger als der reine Chat Effekt.

Damit rückt Accessibility ins Zentrum. Wenn digitale Technologien tatsächlich entlasten sollen, müssen sie unterschiedliche Sprachräume, Kompetenzniveaus und Nutzungsformen berücksichtigen. Zugänglichkeit darf kein Add-on sein, sondern muss strukturell angelegt werden. 

Zurück zur Ausgangsfrage: Hype oder Disruption? AI Agenten stehen weniger für den großen Bruch als für eine graduelle, aber tiefgreifende Verschiebung. Dieser Schritt der Digitalisierung kann, wenn gut umgesetzt, das alte Versprechen einlösen: Entlasten statt Belasten.

Was bedeutet das konkret

a) Für Business: Nicht die spektakulärste Demo gewinnt, sondern verlässliche Entlastung im Betrieb und im Produkt. Wer Agenten einführt, braucht Prozessklarheit, Verantwortlichkeiten, Qualitätskriterien und Governance. Der Nutzen entsteht dort, wo Vorarbeit und Entscheidungen messbar schneller, konsistenter und sicherer werden, ohne neue Komplexität für Mitarbeitende und Kund:innen zu erzeugen.

b) Für Entwickler:innen: Der Schwerpunkt verschiebt sich weg von reiner Implementierung hin zu Systemdesign. Architektur, Guardrails, Daten und Content Governance, Testing, Observability und UX werden zu Kernkompetenzen. Vibecoding beschleunigt das Bauen, erhöht aber die Anforderungen an Stabilität und Wartbarkeit. Und auch hier gilt: Nicht alle müssen vibecoden oder Agenten orchestrieren. Entscheidend ist, dass die Systeme, die entstehen, zuverlässig und betreibbar sind.

c) Für Anwender:innen: Wir werden künftig nicht alle vibecoden müssen. Auch dann nicht, wenn es technisch immer einfacher wird. Der Normalfall wird sein, dass Agenten als integrierte Funktion im Hintergrund laufen und wir sie nutzen, ohne sie zu bauen oder zu orchestrieren. Entscheidend ist, dass diese Systeme verständlich, fehlertolerant und zugänglich sind. Dialog ist dabei ein Zugang unter mehreren. Gute Lösungen holen Menschen dort ab, wo sie stehen, unabhängig von Sprache, Medium oder digitaler Routine.