In den letzten paar Jahren hat mich immer stärker das Thema der Ethik in der Zukunftsforschung beschäftigt. Meist, wenn es um Fragen ging wie: „Wer bestimmt eigentlich, was eine lebenswerte Zukunft ist?“ oder „Wie partizipativ dürfen oder müssen Zukunftsvisionen gestaltet werden?“. Das Thema ist aber auch speziell dann aufgetaucht, wenn ich mich mit Zukunftsverweigerung und der Frage beschäftigt habe, wie es gelingen kann, Zukunftsgestaltung zugänglich für Alle zu machen.

Zukunft bereitet vielen gerade Angst und Sorgen: Gesellschaft, Demokratie, Klima, Krieg, Technologie. Und gleichzeitig gibt es dieses starke Bedürfnis nach Orientierung. Ich habe geglaubt, der beste Weg sei es, Menschen zu befähigen, Entwicklungen erst einmal wertfrei zu betrachten. Ohne vorschnelle Urteile. Mit zeitloser Neugier „einfach“ beobachten. Und Möglichkeitsräume sichtbar machen. Um diese dann in Gestaltung zu übersetzen.

Ich glaube weiterhin an diesen Weg. Im Prinzip zumindest. Dennoch merke ich: Ganz ohne Werte geht es nicht. Die Teilnehmenden waren irritiert, wenn sie sich Themen, die sie empören und die jenseits ihres Wertefundaments liegen, “neutral” anschauen sollten. Touché. Wertfreiheit ist kompliziert. Das erlebe ich in meiner täglichen Arbeit.

Schon die Auswahl dessen, was ich überhaupt untersuche, ist eine Wertung.

Während ich einerseits Menschen einlade, sich mit Neugier den Zukünften zu öffnen, arbeite ich häufig prognostisch: Ich beobachte Megatrends, soziokulturelle Trends, gesellschaftliche Transformationen und disruptive Entwicklungen, um besser zu verstehen, welche Signale sich abzeichnen und welche Folgen sie haben könnten.

Das ist kein objektiver Blick von außen. Welche Entwicklungen ich als relevant markiere, welche Trends ich zusammenfasse oder welche Brüche ich betone, ist trotz der zugrunde liegenden Methodik bereits eine Auswahl, damit eine Wertung und somit eine Frage von Ethik.

Ich bin nicht neutral. Beispiel: Ich rege mich über Zukunftsperspektiven auf, die aus meiner Sicht „zu ideologisch“ sind. Und ertappe mich dann dabei, dass ich genau in dem Moment selbst werte. Ich bewerte diese Zukunftsentwürfe. Meine Empörung ist nicht der Beweis meiner Neutralität. Sie ist eher ein Hinweis darauf, dass ich mir Neutralität wünsche, weil sie sich moralisch sicher anfühlt.

Nicht Wertfreiheit: Der Fokus muss auf der Wertebewusstheit liegen.

Denn es gibt Entwicklungen, die sich nicht „wertfrei“ betrachten lassen: Antisemitismus. Der Verfall demokratischer Standards. Die Verschiebung dessen, was als wahr gilt. In solchen Fällen wirkt Neutralität nicht wie Professionalität, sondern wie Ausweichen. Und gleichzeitig bleibt die Frage: Wer entscheidet, welche Werte als Maßstab gelten? Auf welcher Grundlage ziehe ich Grenzen, und wann wird aus einer notwendigen Haltung moralische Selbstgewissheit?

Damit hängt auch die Frage nach Partizipation zusammen. Ich wünsche mir partizipative Zukunftsforschung. Ich glaube, sie ist notwendig, wenn Zukunft nicht nur aus Expert:innen-Perspektiven erzählt werden soll. Nur gemeinsam können wir als Gesellschaft entscheiden, was eine lebenswerte Zukunft ist. Aber: Partizipation kann theoretisch Zukünfte hervorbringen, die zutiefst problematisch sind. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Zukunftsbilder durchsetzen, die Freiheitsrechte einschränken, liberale Standards zurückdrehen oder Demokratie ablehnen. Die Vorstellung, dass Beteiligung automatisch zu einer gerechteren Zukunft führt, ist selbst nur eine beruhigende Erzählung.

Damit lande ich wieder bei der Ethikfrage: Was tun wir, wenn das Spektrum möglicher Zukünfte auch solche enthält, die klar gegen demokratische Grundprinzipien verstoßen? Reicht dann Offenheit als Haltung? Oder braucht Zukunftsforschung eine normative Basis, die nicht verhandelbar ist?

Ich denke: Ja. Zukunftsforschung braucht eine normative Basis. Sie braucht aber auch eine Ethik des kritischen Denkens.

In der Zukunftsforschung bieten wir neue und alternative Zukunftserzählungen an. Hier braucht es kritisches Hinterfragen und eine eigene Ethik in der Arbeit. Und immer wieder die Frage: Woran machen wir fest, was eine „gute“ Zukunft ist? Wer entscheiden? Und für wen ist sie gut und wer zahlt den Preis? Welche Werte stecken in unseren Begriffen, in unseren Methoden, in unseren Lieblingsbeispielen?

Zukunftsforschung kann nicht objektiv sein. Aber ich kann Verantwortung übernehmen: nicht indem ich mir und anderen einrede, wertfrei zu arbeiten, sondern indem ich meine Wertungen sichtbar macht, Kritik zulasse, Alternativen ernst nimmt und indem ich meine eigene Position immer wieder kritisch hinterfrage.

Es ist für mich ein work in progress. zwischen dem Wunsch nach Neutralität und dem Wissen um eigene Wertungen; zwischen Partizipation und dem Risiko populärer Zukünfte; zwischen Offenheit und der Frage nach Grenzen.

Arbeitsrahmen

Diese normative Basis versteht sich nicht als abschließende Ethik und nicht als Lösung für normative Konflikte. Sie markiert die Leitplanken, innerhalb derer meine Zukunftsforschung stattfindet. Mit dem Bewusstsein, dass jede Zukunftsvision Ausschlüsse produziert und Werte in Konflikt geraten.

Demokratie bildet den grundlegenden Bezugsrahmen: als offenes, korrigierbares Verfahren zur Aushandlung von Zukunft.

Menschenrechte und Menschenwürde dienen als Referenz, um Entrechtung, Gewalt und Entmenschlichung sichtbar zu machen.

Individuelle Freiheit verstehe ich als Selbstbestimmung und gleiche Freiheitsrechte für alle (nicht als Reduktion auf Marktlogik).

Pluralismus bedeutet, unterschiedliche Zukunftsvorstellungen ernst zu nehmen und nebeneinander zu denken, ohne Positionen zu legitimieren, die grundlegende Rechte oder Gleichwertigkeit negieren.

Nachhaltigkeit verweist auf die Frage, welche langfristigen Kosten Zukunftsbilder erzeugen und wer sie trägt.